Sonntag, 8. Januar 2017

Begriffs-Bullshit: Der will wissen, wer hier der Chef ist

„Der will wissen, wer hier der Chef ist!“ 
Eine Möhre, jedes Mal wenn ich diesen Satz höre und Penny würde kugeln. In meinen Ohren schwingt bei diesen Worten die unterschwellige Drohung, dem unerwünschten Verhalten des Pferdes Körperlichkeit folgen zu lassen. Und tatsächlich folgen meist physische Konsequenzen. Diese reichen von einem Ruck am Strick, über einen „Klapps“ mit der Gerte bis zu wildem Peitschengefuchtel. Reicht das nicht mehr aus, kennt der Mensch allerhand Werkzeuge, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen und dem Vierbeiner Gehorsam einzuflössen – manche von schockierener Kreativität. Die Druckspirale ist eröffnet. 
Von Gewalt will natürlich keiner sprechen. Es wird „Ermahnung“ oder „Denkzettel“ genannt. Doch was tut man, wenn das Pferd auf einen Schlag mit dem Strick antwortet, in dem es zum Gegenangriff bläst? Die meisten schlagen beim nächsten Mal fester. Ob es wirklich bei einem mahnenden Ruck am Halfter bleibt, liegt am Pferd. Kuscht es nicht, beginnt die Spirale von Gewalt und Einschüchterung. Der Umgang mit unseren Tieren, wird immer auch von Körperlichkeit geprägt sein. Sie ist aber nicht das Allheilmittel.
Dabei finde ich es erschreckend, wie schnell der Chef Mensch sich in dieser Position angegriffen fühlt. Eine Verweigerung, die schlicht auf ein Missverständnis in der Kommunikation zurückgeht, wird als Versuch gewertet, uns den Chefposten streitig zu machen. Ein unsicheres Pferd, welches einfach nicht verstanden hat oder körperlich schlicht nicht konnte, wird zum Meuterer ernannt. Der Mensch ist dabei nie schuld.
Dem Widerwilligen wird gezeigt, wer hier der Chef ist oder besser wen es besser zu meiden hat. Denn die einzige Qualität, die in so einem Kampf unter Beweis gestellt wird, ist Körperlichkeit – und Grössenwahn.
Hier wird nicht ausgetragen, wer der souveräne Führer, der „Chef“ ist, denn dazu gehört mehr als Körperlichkeit. Körperlichkeit liefert nur die Antwort, wer hier der Stärkere ist. Diese Antwort sollten wir angesichts des Kampfes David gegen Goliat kennen – sie sollte uns nicht gefallen.
Wir hatten die Wahl der Disziplin und haben uns jene gewählt, bei der wir die schlechtesten Karten besitzen. Denn ehrlich: wenn 500kg in einem Kampf auf Körperlichkeit testen wollen, wer hier der Stärkere ist, werden sie sich kaum von 60kg besiegen lassen.
Der einzige Grund, dass der Mensch häufig ungeschoren aus dieser Situation rauskommt, liegt darin, dass das Pferd gar nie versucht hat uns zu besiegen.
Es hat nie nach einem Kampf um Körperlichkeit und Stärke gefragt, denn dann wären wir nicht die Gewinner. Viel häufiger fragte das Pferd nach Sicherheit und souveräner Führung und beugte sich unser cholerischen Antwort, was gleichzeitig zeigt, wie sehr unsere Tiere nach Harmonie streben. Sie lassen sich in einem Kampf besiegen, denn sie locker hätten für sich entscheiden können.
Diesem Harmoniebedürfnis der Pferde verdanken wir es, dass es häufig nicht zum Äussersten kommt. Sie haben die Drohung verstanden und mucken nicht mehr. 
Das Brechen eines Pferdes beginnt für mich dort, wo das Verhalten des Tieres bekämpft wird, damit es in der gleichen Situation dieses Verhalten angesichts der Konsequenzen nicht mehr zeigt – es wird abgestellt. Der Auslöser, die Ursache, bleiben unberührt, lediglich die negativen Konsequenzen führen dazu, dass es für das Pferd die schlauere Wahl ist, auf dieses Verhalten zu verzichten. 

Bedeutet Chef-sein nicht weitaus mehr, als nur Gehorsam einzufordern?
Wenn mein Pferd wirklich wissen möchte "wer hier der Chef ist", dann habe ich wohl im Vorfeld etwas verpasst und mich offensichtlich nicht als "Chef" bewiesen. Ich bezweifle, dass man das auf die schnelle Art nachholen kann. Vielleicht erreicht man so Gehorsamkeit durch Resignation, aber keine Mitarbeit durch Vertrauen.

Doch wie können wir unserem Pferd denn nun zeigen, wer der "Chef" ist? Oder anders gesagt: Wie können wir beweisen, dass unsere Führung vertrauenswürdig ist?

Von einem guten Chef erwarte ich, dass er mich anleitet, mich motiviert, meine Sorgen ernst nimmt, mir zuhört und auf mich eingeht. Dass er um meine Stärken und Schwächen weiss und diese berücksichtigt. Er soll mir das Gefühl geben, geborgen zu sein, damit ich mich ihm gerne anvertraue. Ein guter Chef muss jemand sein, bei dem ich auch Schutz finde und den ich gerade in unsicheren Situationen gerne suche. Er ist verständnisvoll.
Ein Chef muss also sehr vielseitig sein.
Kann mein Chef mir dies alles bieten, dann habe ich keinen Grund, seine Position anzuzweifeln, dann ist er souverän und fürchtet auch nicht, hinter der nächsten Ecke einen Machtkampf anzutreffen.

Gleichzeitig habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die diese innere Ruhe und Selbstsicherheit ausstrahlen ihren Argumente gar nicht durch Körperlichkeit Nachdruck verleihen müssen. 
Sie klären die Cheffrage beinahe beiläufig. 
Die Pferdeflüsterei erklärt euch hier die Kraft der leisen Töne.
Denn "Chef" ist man in jedem Moment. Diese Aufgabe bedeutet weitaus mehr, als in einem Krisenmoment energischen Nachdruck auszuüben. 



Wir sollten uns die Cheffrage vielleicht wirklich stellen und unseren Pferden zeigen, dass wir in der Lage sind, eine vertrauensvolle Führung zu übernehmen und ihr Wohl zu garantieren. Wir sollten uns aber sehr genau überlegen, wie wir das tun und welchen Anspruch wir selbst an einen souveränen Chef stellen.

Kommentare:

  1. Ein toller Text! Ich beschäftige mich zwar im Moment (noch) nur theoretisch mit dem Thema Pferd-Mensch-Beziehung, aber ein paar theoretische Gedanken vor dem Praxisteil schaden bestimmt nicht. ;) Ich hab auch gerade "Pferde lügen nicht" von Mark Rashid gelesen und fand seine Idee vom sanften Führer, der kein Tyrann ist, sondern vertrauenswürdig und zuverlässig, auch sehr einleuchtend. So eine Angst-und-Schrecken-Herrschaft über das Pferd hört sich für mich jedenfalls echt schrecklich an und das wird auf jeden Fall ein Punkt sein, auf den ich in der Praxis besonders gut achten möchte.

    Liebe Grüße
    Tina

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    1. Hallo Tina. Vielen Dank :) Ich finde es toll, wenn Menschen sich auch die Zeit für den "Theorieteil" nehmen. Das Buch "Pferde lügen nicht" hat mir eine gute Freundin zu Weihnachten geschenkt. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zuvor noch kein Buch von ihm gelesen habe. Ähnliche Beobachtungen wie er, haben wir am Stall auch schon gemacht. Aber er bringt es so wunderbar präzise und anschaulich aufs Papier. Ein ganz tolles Buch, für alle, die die Tiere etwas besser verstehen wollen. Lieber Gruss und viel Spass beim Praxisteil! :D

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    2. Ohja, das Buch fand ich auch wirklich toll. Man lernt wirklich viel darüber, wie Pferde so sind, warum sie so sind, und wie man selbst sein sollte, um in ihre Welt zu passen (letztere Formulierung habe ich glaub ich direkt aus einem der Rashid-Bücher geklaut, aber sie passt so gut). :)

      "Ein gutes Pferd hat niemals die falsche Farbe" war mein erstes Buch von ihm, und das ist auch wirklich ganz toll. Ich hab's sogar schon 2x gelesen, was auf jeden Fall eine Auszeichnung für ein Buch ist. ;)

      Vielen Dank für deine guten Praxiswünsche, darauf freu ich mich auch schon sehr! :)

      Liebe Grüße
      Tina

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  2. Ist ein toller Text!!!!
    Alle vergessen ...
    will ICH Chef sein MUSS ich Verantwortung übernehmen für das Lebewesen Pferd ohne wenn und aber.
    Eine Beziehung ist bedingungslos!

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    1. Vielen lieben Dank :) Da hast du absolut Recht. Verantwortung zu tragen, bedeutet mehr, als Schuldzuweisungen auszusprechen. Ziemlich oft muss man sich an die eigene Nase fassen.

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